Geschichte der Klinik Waldhof-Elgershausen

Der Start in das Unternehmen "Lungenheilstätte" war für den 35jährigen Arzt Dr. Georg Liebe zunächst wenig erfolgversprechend. 1899, nach erster ärztlicher Tätigkeit als Chefarzt der Lungenheilanstalt in Loslau/ Oberschlesien, gründete er in Braunfels eine kleine eigene Heilstätte, die er bescheiden "Kurpension" nannte. Dr. Liebes Konzept im Kampf gegen die Volksseuche Tuberkulose war die Einrichtung von "Volksheilstätten", in diesen sollten Naturheilkräfte aus Luft und Wasser, gekoppelt an Gesundheitserziehung, den tuberkulös Kranken von der Infektion befreien und ihn stark für die Abwehr neuer Krankheiten machen. Dr. Liebes anfänglichen Bemühungen, sich in der aufblühenden Kurstadt Braunfels mit einer Heilstätte für Tuberkulose zu etablieren, gelangen ihm nicht. Zum einen erwies das dafür vorgesehene Haus sich als unzulänglich und zu klein, zum anderen waren die Widerstände der Bevölkerung von Braunfels gegen das Projekt bald schon so groß, dass die Bewohner des Kurortes eine Petition an den damals regierenden Prinz Albrecht (1891 - 1901) richteten und ihn baten, er möchte auf Dr. Liebe einwirken, dass er seine Anstalt für Tuberkulose schließen sollte, um die Bevölkerung nicht zu gefährden. Der Schlossherr, der dem temperamentvoll - idealistischen Mediziner wohlgesonnen war, bot die Oberförsterei Elgershausen als Ausweichquartier an. Am 3. April 1901, nachdem die letzte auf dem Elgershäuser Hof noch wohnende Familie auf Geheiß des Fürsten auf das Gut Heisterberg übergesiedelt war, und nach Um- und Ausbau des Heilig Hauses durch die fürstliche Verwaltung, zog Dr. Liebe mit seiner Familie, wenigen Angestellten und 10 Patienten in dieses Heilig Haus ein und übernahm den Hof mit der ehemaligen Marienkapelle, mit den land- und forstwirtschaftlichen Nebengebäuden und den Ländereien.

Dr. Liebe benannte den Ort seiner Lungenheilstätte "Waldhof ", der Name sollte ihn an sein früheres ärztliches Wirken in St. Andreasberg im Harz erinnern, und der Name ist bis heute unverändert geblieben. Dr. Liebes Überzeugung Volksheilstätten zur Bekämpfung der Tuberkulose zu nutzen, erwies sich schnell als richtig: Bereits ein Jahr nach Beginn seiner Arbeit im Waldhof musste die Heilstätte erweitert werden und mit dem Bau des "Prinz-Albrecht-Hauses", genannt nach dem fürstlichen Förderer, wurde Raum geschaffen, Tuberkulosekranke auch aus dem nahen Siegerland und dem Ruhrgebiet aufzunehmen. Das in den Gründerjahren im Waldhof Geschaffene war ein Werk großen Organisationstalentes und unerschütterlicher Tatkraft. Es erscheint uns heute kaum vorstellbar, dass die von Dr. Liebe bereits im Waldhof praktizierten Röntgenuntersuchungen und Pneumothoraxbehandlungen erst viele Jahre nach Gründung der Heilanstalt auch allgemein bekannt und angewandt wurden. Die Therapiemittel, mit denen der Tuberkulose zu Leibe gerückt wurde, waren im Vergleich zu heute allerdings bescheiden. Die Behandlung bestand aus Luftkur, Liegekur, Luft- und Sonnenbädern, einer Wasserkur, Diätkur, körperlicher Beschäftigung und psychischer Begleitung. Von den Patienten reichlich genutzt wurde das von Dr. Liebe angelegte Luftbad in verschiedenen Liegehallen und die Gelegenheit, im nahen Weiher zu baden. Auf der Wiese neben dem Weiher wurde zudem eine Kneippkuranlage errichtet. Neben Luft- und Wasserkuren stand besonders das Bemühen Dr. Liebes den Patienten "ganzheitlich" zu therapieren. So bot er regelmäßig Vorträge an, in denen Patienten über ihr eigenes Krankheitsbild der Tuberkulose informiert und fortgebildet wurden.


Oft sandten die Patienten die schriftliche Form der Vorträge an die Familie nach Hause, so dass sie auch außerhalb der Heilstätte bei der Krankheitserklärung und -prävention Nutzen brachten. Die sozialreformerische Leistung Dr. Liebes wird daran deutlich, dass er den in der damaligen Zeit sozial Schwachen aus der Arbeiterschicht Aufnahme in die Heilstätte ermöglichte, auch wenn sie nicht über die notwendigen Mittel verfügten. Der Waldhof war natürlich nicht mit den Nobelkurorten in der Schweiz, dem Schwarzwald und dem Harz vergleichbar, im Speisesaal stand kein weißer Flügel, von dem aus Chopinsche Präludien erklangen und es gab keine Abenddiners in langen Kleidern und schwarzen Anzügen. Der Waldhof lag versteckt in den Fichten, ohne große Öffentlichkeit, die Ausstattung war einfach, eher spartanisch, der Speiseplan ländlich und die Unterhaltung war karg. Mit der Zusage 1913 durch die Reichsversicherung für Angestellte, ihre Versicherten in der Heilstätte Waldhof Elgershausen behandeln zu lassen, wurde der Waldhof auf 100 Betten ausgebaut. Das bestehende Prinz-Albrecht-Haus wurde mit einem großen Anbau erweitert, das Zeitenhaus errichtet und das Eigenhaus, sowie das Sächsische Haus, so benannt in Anlehnung an die Sächsische Heimat Dr. Liebes, entstanden. Im Dezember 1915 konnte die inzwischen gegründete Krankenhausgesellschaft Elgershausen vom fürstlichen Hause Solms/ Braunfels das bislang gepachtete Heilstättengelände erwerben. Als Dr. Liebe am 25.01.1924 mit 59 Jahren starb, war sein Lebenswerk "Waldhof Elgershausen" auf acht Häuser angewachsen. Eine kleine Siedlung hatte sich gebildet, die durch die vielfältige Tätigkeit des Gründers auch zu einem kulturellen Mittelpunkt der damals noch stark konservativen und bodenständigen Bevölkerung wurde.

Nach dem Tode Dr. Liebes brachten die folgenden Jahre einen mehrfachen Wechsel in der ärztlichen Leitung und mühsame Verhandlungen über eine neu zu findende Trägerschaft der Heilstätte. Im November 1928 ging sie in den Besitz der inneren Mission der Evangelischen Kirche Deutschlands über. Auf der Basis christlichen Gedankengutes wird nun Diakonie in der Klinik lebendig und sie schafft Voraussetzungen dafür, im Krankenhaus den ganzen Menschen und nicht nur sein körperliches Leiden betreuen zu können. Nachfolgerin in der ärztlichen Leitung der Lungenheilstätte nach dem Tod Dr. Liebes wurde für wenige Monate dessen älteste Tochter, Frau Dr. med. Hertha Liebe. Nach einer weiteren zeitlich nur sehr kurzen Chefarzttätigkeit von Dr. med. E. Lange führte von 1925 - 1961, also 35 Jahre lang, Dr. med. Hans Meiners die Heilstätte. In seine Zeit fiel der entscheidende Durchbruch in der bis dahin so wenig erfolgreichen Behandlung der Tuberkulose: Nach der Identifizierung der Tuberkuloseerreger durch Robert Koch (1882) wurden nach dem 2. Weltkrieg die Antibiotika Streptomycin, Isoniazid und Paraaminosalicylsäure (PAS) entwickelt, sie revolutionierten die Therapie der Tuberkulose, sie führten zur definitiven Heilung von der Erkrankung, aber sie führten auch zu einer Auflösung oder zu einem Wandel der Tuberkulosesanatorien, die nun viel weniger gebraucht wurden.


Der zum Tal hin unter hohen Buchen versteckt liegende kleine Soldatenfriedhof kennzeichnet eine traurige, wenn auch kurze Periode der Klinikgeschichte. Bereits während des 1. Weltkrieges hatte sich Dr. Liebe für tuberkulosekranke Kriegsheimkehrer eingesetzt und sie in seiner Heilstätte betreut. Gleiches geschah nun im 2. Weltkrieg. Soldaten, aber auch russische Gefangene mit Tuberkulose wurden im Waldhof aufgenommen und behandelt. Schwere kriegsbedingte Brustkorbverletzungen, zusammen mit immer ungünstiger werdenden Ernährungs- und Hygienebedingungen verringerten die Chancen auf ein Überleben, und da ein Überführen in die Heimat in den meisten Fällen nicht mehr möglich war, wurden die Verstorbenen im Anschluss an die Familiengrabstätte Dr. Liebes auf dem Waldhof beigesetzt.

Mit der näherrückenden Ost- und Westfront wurde gegen Ende des Krieges die Lungenheilstätte Waldhof zu einem Lazarett umfunktioniert. Bis zu 250 Verwundete und Kranke wurden behandelt, jedes Haus, auch die Behelfsbaracken und selbst der Speisesaal und die Kapelle waren mit Hilfesuchenden belegt. Bei Kriegsende besetzten die Amerikaner den Waldhof, schlossen zwar alle Zufahrtswege, sicherten aber den Krankenhausbetrieb und versorgten Verwundete und Patienten wie Mitarbeiter und Ärzte mit Lebensmitteln und Medikamenten aus ihren eigenen Beständen. Am 15.10.1945 wurde der Waldhof dem amerikanischen Commander Captain M.C.Milton E.Nugent unterstellt  ("The german hospital at Waldhof Elgershausen is directly under the supervision of the American Army and responsibillty for its administration is assured by this hospital team."), doch schon einige Monate später konnten die verbliebenen Verwundeten in das Hauptlazarett Herborn verlegt werden, und so war das "Lazarett Waldhof " schnell wieder Geschichte geworden.

Die Nachkriegszeit war geprägt von der schwierigen Wiederinbetriebnahme des Waldhofes als Lungenheilstätte. Manches, was dringend benötigt wurde, musste auf dem schwarzen Markt eingekauft oder anderweitig "organisiert" werden.


Zusätzlich hatte die Leitung der Heilstätte mit Dr. Hans Meiners als Chefarzt und mit dem in den Bodelschwingh'schen Anstalten in Bethel ausgebildeten Gerhard Reese als Verwaltungsdirektor auch dafür Sorge zu tragen, viele Flüchtlingsfamilien unterzubringen. Glücklicherweise gelang dies in dem Forsthaus "Langer Grund", einem zum Sanatorium gehörenden landwirtschaftlichen Gehöft, das 1901 vom fürstlichen Haus Solms-Braunfels neu errichtet und 1915 an Dr. Liebe verkauft wurde. Das Forsthaus "Langer Grund" diente aber nicht nur als Wohnung für Flüchtlinge, sondern versorgte auch in den knappen Jahren nach dem Kriege das Sanatorium mit Milch und Eiern. Später, in der Blütezeit der krankenhauseigenen Landwirtschaft, standen in den Ställen über 50 Schweine und 20 Stück Milchvieh, die zeitweise von einem echten "Schweizer", wie ein alter Hausprospekt bedeutungsvoll ausweist, versorgt wurden.

Die 50-iger Jahre waren eine Blütezeit der Tuberkuloseheilstätten in Deutschland, dies galt auch für den Waldhof, der mit 140 Betten eine der größten Heilstätten unserer Region war. Die Chemotherapieaera hatte zwar begonnen, chirurgische Behandlungsmaßnahmen (unter anderem "Pneumothorax", "Plombe", "Kaustik") wurden aber immer noch gebraucht. Berühmt für die damalige Zeit waren die Liegekuren, und um sie ranken sich unzählige Geschichten. Liegekuren wurden in den am Waldrand errichteten offenen Liegehallen durchgeführt, bei jedem Wetter, im Winter wie im Sommer. Die Liegehallen bildeten ihre eigenen Gemeinschaften, ihre "Clubs" und "Clans", und hier entstanden Freundschaften, die ein Leben lang anhielten. "Dohlenhorst", "Finkenhalle" und "Kannibalenhalle" stehen für menschliche Verbindungen, die bei einer für manche ja immer noch unheilbaren Krankheit lebenserhaltend waren. Und die "Clans" und "Clubs" waren auch nicht Kinder von Traurigkeit: artig eingepackt in Wolldecken auf einer Holzliege die gute Westerwaldluft inhalierend wurde dem kontrollierenden ärztlichen Regime und dessen Vorstellung von Gesundung zwar Rechnung getragen, ansonsten gab es aber immer einen Grund, ein Fest zu feiern. Die heute noch vorliegenden Tagebücher (!) mit Zeichnungen und Fotografien zeugen von (feucht) fröhlicher Geselligkeit und Berichten über diese einzigartige Liegehallenwelt, wobei in abenteuerlicher Verkleidung und ausgerüstet mit selbstgebauten Musikinstrumenten ganze Hallenbesatzungen regelmäßig zum Einstand oder zur Verabschiedung eines" Clanmitgliedes" antraten.


Vom Sanatorium zum Fachkrankenhaus

Im Sommer 1961 trat Dr. med. Dietrich Wentz die Nachfolge von Dr. Meiners als Chefarzt des Sanatoriums Waldhof Elgershausen an und unter ihm vollzog sich der Wandel von einer Tuberkuloseheilstätte zum Fachkrankenhaus für Lungenkrankheiten. 1968 wurde am Heilig Haus ein größerer Anbau mit Schwesternwohnungen, Personalspeiseräumen und Kommunikationseinrichtungen gebaut. Durch den Umzug weiterer Mitarbeiter in ein neu eingerichtetes Wohnhaus ("Haus am Berg", 1970) wurde im Klinikbereich Platz für wichtige Stationsnebenräume, verbesserte sanitäre Einrichtungen und Aufenthaltsräume für die Patienten geschaffen. Mit der Einführung der Bronchoskopie (später auch mit Fiberoptiken), der Funktionsuntersuchungen der Atmung und mit verbesserter Röntgentechnik schuf Dr. Wentz die Voraussetzungen für die Erweiterung des Aufgabenbereichs der Klinik: Im Waldhof sollten alle Krankheiten der Atmungsorgane betreut werden können und nicht nur die inzwischen erfolgreich zu behandelnde Tuberkulose. Die Übergangszeit war schwierig. Trotz Bettenzahlverminderung blieb die Gesamtbelegung des Krankenhauses zunächst schwach und als zusätzlich der Träger des Krankenhauses, das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche Deutschlands mit seiner Hospizgesellschaft und Sitz in Stuttgart sich nicht mehr in der Lage sah, die Trägerschaft aufrecht zu erhalten, drohte dem Waldhof wie den meisten Tuberkuloseheilstätten in Deutschland die Schließung. Dass dies nicht geschah, ist umsichtigen Verhandlungen und dem engagierten Eintreten der Klinikleitung, der Geschäftsführung des Diakonischen Werkes in Hessen und Nassau, einzelner Landespolitiker und auch der Unterstützung der Kostenträger zu verdanken. Als als neuer Träger der Klinik das Diakonische Werk in Hessen und Nassau mit Sitz in Frankfurt gewonnen werden konnte und die Klinik als Lungenfachkrankenhaus mit 106 Betten in den Bettenbedarfsplan des Landes Hessen aufgenommen wurde, waren die wesentlichsten Grundlagen für eine Bestandssicherung erreicht, ein weiteres und neues Kapitel in der Geschichte der Klinik konnte begonnen werden.

Die Klinik heute

Mit der Übernahme der Klinikleitung durch den 1980 von den Universitätskliniken Hamburg kommenden Pneumologen und Internisten Professor Dr. Harald Morr trat der Waldhof in die Arbeitsgemeinschaft mit dem Fachbereich Humanmedizin der Justus-Liebig-Universität Giessen ein. Dies führte zum einen Zuwachs von Krankenversorgung auf dem allerhöchsten Niveau und in allen Bereichen der Medizin mit Erschließung jeder nur möglichen und nötigen Diagnostik und Therapie, zum anderen ergaben sich aus der Verbindung der Klinik mit der universitären Forschung und Lehre eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen in der nationalen und internationalen Literatur, zahlreiche Dissertationen, gemeinsame Symposien und Fortbildungsveranstaltungen. Dies alles hat dazu beigetragen, dass die inzwischen in "Pneumologische Klinik Waldhof Elgershausen" umbenannte Fachklinik weit über die Region hinaus zu einer der bekanntesten und bedeutendsten "Lungenkliniken" unseres Landes wurde.  Herr Professor Dr. Morr ist zum 01.06.2009 nach fast 30-jähriger Tätigkeit in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Er wurde durch den, von der Medizinischen Universitätsklinik Gießen kommenden, Professor Dr. Andreas Günther abgelöst, der durch seine wissenschaftliche Tätigkeit am Fachbereich Humanmedizin der JLU Gießen die Heranführung der Klinik an die universitäre Medizin unter Erhalt der bisherigen Schwerpunkte fortsetzt.